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„Wir weinen ihnen keine Träne nach“ – Flüchtlinge in Prag 1989


Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Prag

Quelle: ČTKParallel zu der Flüchtlingswelle über Ungarn wird im August 1989 die westdeutsche Botschaft in Prag durch Menschen aus der DDR besetzt, die damit ihre Ausreise aus der DDR erzwingen wollen. Ähnliches geschieht in Warschau. Dieser Weg wurde zwar schon früher von Einzelnen genutzt, doch jetzt befinden sich etwa 140 Flüchtlinge auf dem Gelände und die Prager Botschaft wird am 22. August wegen Überfüllung geschlossen. Trotzdem lässt der Ansturm nicht nach. Menschen verschaffen sich über die Zäune Zugang.

Im Laufe des Septembers lagern tausende Menschen im und um das Botschaftsgelände in Prag.

 

Prag 1989
Prag 1989Quelle: ČTK
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Quelle: ČTK

Quelle: ABL / R. KühnVerlassene Fahrzeuge der Marke „Trabant“ und „Wartburg“ prägen das Bild um das Botschaftsgebäude.
Diese Zeugnisse der Massenflucht verarbeitet der tschechische Künstler David Černy in seiner Skulptur „Quo vadis?“, die er im Juli 1990 auf dem Prager Altstädter Ring präsentiert. Er erinnert damit an den Exodus tausender Ostdeutscher vom Vorjahr.

Quelle: ABL / R. Kühn

 

Die Verantwortlichen der DDR und der ČSSR sind mit dieser Situation total überfordert. Am Rande der UN-Vollversammlung Ende September in New York einigen sich die Außenminister der Sowjetunion, der DDR, der ČSSR, Polens und der Bundesrepublik auf eine Ausreiseerlaubnis der Botschaftsflüchtlinge.
Am 30.9.1989 verkündet der Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag die Ausreise der DDR-Flüchtlinge in Prag und Warschau.

Quelle: ČTK

Quelle: ČTK

Bestandteil der internationalen Verhandlungen in New York ist die Forderung der DDR, die Flüchtlinge über das Gebiet der DDR ausreisen zu lassen. Damit will die SED den Anschein einer legalen Ausreise wahren. Die Sonderzüge fahren durch die DDR. Ausreisewillige Menschen versuchen nun, auf die Züge aufzuspringen.

Quelle: ABL

Neues Deutschland, 2.10.1989Die SED hat eine Situation geschaffen, die sie nicht mehr beherrscht. In die „Enge“ getrieben schlägt die Propaganda menschenverachtende Töne gegenüber der eigenen Bevölkerung an, indem man den Flüchtlingen „keine Träne nachweinen“ wolle.
Anstatt sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, werden sie deklassiert.

Foto: Berlin Alexanderplatz, Ausweiskontrolle im Sommer 1989 | Quelle: ABL / R. Kühn

 

Eskalation in Dresden – Fünf Tage im Oktober

Quelle: ABLEine absolute „Bankrotterklärung“ der SED-Führung ist die Schließung der Grenzen zur ČSSR am 3. Oktober 1989. Damit sind jetzt alle Grenzen der DDR dicht. Die Situation in Dresden verschärft sich, als auf die Ankündigung der Durchfahrt eines weiteren Flüchtlingszuges die Mitteilung der Grenzschließung trifft.

Neues Deutschland 4.10.1989Mit dem Entschluss der SED-Führung, die neuen Flüchtlinge in Prag ausreisen zu lassen, ist die Entscheidung gekoppelt, die Grenzen zu schließen. Damit erhofft sie sich, das Flüchtlingsproblem zu lösen und im Vorfeld des 40. Jahrestages der DDR am 7. Oktober, keinen Imageschaden davonzutragen.
Erst im Verlauf der friedlichen Revolution werden die Grenzen am 1.11.1989 wieder geöffnet.

An der Grenzübergangsstelle für den Zugverkehr in Bad Schandau kommt es zu Waggonbesetzungen und Sitzblockaden. Über 2.000 Menschen wird die Einreise in die ČSSR verweigert. Sie werden mit Nahverkehrszügen wieder in das Hinterland nach Dresden gebracht. Am Abend des 3. Oktober befinden sich etwa 2.000 Menschen auf dem Dresdner Hauptbahnhof. Die Ausreisewilligen aus der gesamten DDR mischen sich mit dem Dresdner Protestpotential. In dieser Nacht kommt es zu ersten Polizeieinsätzen gegen die Demonstranten.

PDF Download: Ereignisse am Dresdner Hauptbahnhof Bild: vusta/iStockphoto„Um 23.30 Uhr ging es los.“
Über die Demonstrationen in Dresden gibt es vielfältige Erlebnisberichte. Hier werden die Ereignisse vom 3. und 4. Oktober zusammengefasst.

 

Quelle: ABLAm Abend des 4. Oktober 1989 eskalierte die Situation. Der Hauptbahnhof ist verbarrikadiert, damit die Flüchtlingszüge aus Prag durch Dresden fahren können. Es fliegen Pflastersteine und Brandflaschen. Drei Polizeifahrzeuge brennen. Die Polizei geht mit Wasserwerfern gegen tausende Demonstranten vor. Das Militär steht in Bereitschaft.
Es finden die schwersten Auseinandersetzungen seit dem 17. Juni 1953 statt.

 

Dresdner Hauptbahnhof am Tag danach, 5.10.1989
Dresdner Hauptbahnhof am Tag danach, 5.10.1989Quelle: ABL / M. Jehnichen
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Quelle: ABLAm 5. Oktober 1989 gehen die gewaltsamen Auseinandersetzungen weiter. Doch jetzt sind nicht nur Ausreisewillige auf der Straße, sondern auch viele Dresdner. Trotz der vielen Übergriffe und Verhaftungen durch die Polizei werden die Aktionen friedlicher. Einen wichtigen Einfluss darauf haben der Superintendent Christof Ziemer und der Bischof Johannes Hempel.

 

PDF Download: Staatsschauspiel Dresden Bild: vusta/iStockphoto„Wir treten aus unseren Rollen heraus!“
Bereits am Vortag stellten die Schauspieler und Angestellten des Staatsschauspiels ihre Forderungen gegenüber dem Staat auf. Ab jetzt werden sie vor jeder Vorstellung verlesen.

 

Quelle: ABLAm 7. Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der Gründung der DDR, soll wie überall dem Staat zugejubelt werden. Doch auch wie in anderen Städten kommt es in Dresden zum Protest. Angesichts der Gewalt der letzten Tage, soll auf Anweisung von SED-Bezirkschef Hans Modrow die Demonstration nur begleitet und beobachtet werden. Am Abend setzen sich etwa 4.000 Menschen erstmals in Bewegung und skandieren „Wir bleiben hier!“ oder „Neues Forum!“ - aber auch die nationalsozialistische Parole „Dresden erwache!“ ist nicht zu überhören. Trotzdem erhalten die Proteste eine neue Qualität, weil von ihnen keine Gewalt ausgeht. Ausgangspunkt der Demonstration, die zwischenzeitlich auf über 10.000 Menschen anwächst, ist der Hauptbahnhof.

Quelle: ABL

Die spontane Massendemonstration durch die Dresdner Innenstadt entwickelt sich zur bis dahin längsten Demonstrationsstrecke seit dem 17. Juni 1953.

PDF Download: Demonstration - Augenzeugenbericht Bild: vusta/iStockphoto„Die Menschenmenge verhielt sich sehr friedlich.“
Die Demonstration wird nach 1¾ Stunden durch Polizei und Kampfgruppen gewaltsam aufgelöst. Der Augenzeuge vergleicht die Dresdner Demonstration mit den Leipziger Montagsdemonstrationen.

 

PDF Download: Verhaftungen – Augenzeugenbericht Bild: vusta/iStockphoto„Sie haben mit Wut und Freude auf mich eingeschlagen.“
In dieser Woche werden in Dresden 1303 Menschen festgenommen und in verschiedene Sammellager gebracht. Nachdem in Dresden die „Kapazitäten“ erschöpft sind, nutzen die Sicherheitstruppen das Gefängnis im berühmt-berüchtigten Bautzen.

 

Quelle: ABLAm 8. Oktober 1989 tauchen verschiedene Flugblätter auf, die am Nachmittag zu einer neuen Demonstration im Stadtzentrum aufrufen. Aus der Eskalation mit der Staatsmacht heraus kommt es zur Teilung des wenig koordinierten Demonstrationszuges von etwa 1.000 Menschen. Der angewiesene harte Konfrontationskurs durch die SED-Spitze in Berlin führt zu weiteren Massenverhaftungen. Jetzt passiert in Dresden etwas vollkommen Neues: Die Befehle der Berliner Hardliner widersprechen den Realitäten vor Ort, denn die Demonstranten lassen sich durch die Gewalt nicht einschüchtern. Auf der Bezirksebene beginnen daraufhin Überlegungen zur politischen Lösung des Konflikts. Nachdem ein Teil der Demonstranten aufgerieben wurde, kesselt Polizei und Militär den anderen am Abend ein. Die Vertreter der Staatsmacht in Dresden signalisieren unter Vermittlung der Kirche nun Gesprächsbereitschaft. Aus der Demonstration heraus wird eine Gruppe von 20 Personen ermächtigt, mit dem Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer in den politischen „Dialog“ zu treten.

Dieses Selbstverständnis formuliert die „Gruppe der 20“ am 9.10.1989, nachdem erste Gespräche im Dresdner Rathaus geführt worden. | Quelle: ABL

Die Reaktion regionaler Vertreter der Staatsgewalt in Dresden auf die tagelangen Proteste hat keine unerhebliche Signalwirkung auf die bevorstehende Montagsdemonstration in Leipzig am 9. Oktober 1989. Nach diesem 9. Oktober sind die revolutionären Veränderungen nicht mehr aufzuhalten.