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„Quelle der Inspiration“ – Wahrnehmung der Charta 77


Neue Ansätze des Dissens

Die Grundsatzerklärung der Charta 77 vom Januar 1977 trifft nahezu mit jedem Wort die Situation in der DDR. Trotz der deutschen Zweistaatlichkeit und der spezifischen Stellung der ostdeutschen evangelischen Kirche, existieren ähnliche gesellschaftliche Probleme.

Deutsch-tschechischer Händedruck

So ist es nicht verwunderlich, dass es auch auf Grund der Nähe schnell Einzelkontakte von Dissidenten in das Nachbarland gibt.

Petr Uhl, 1978 | Quelle: ČTKEine der wichtigsten Kontaktpersonen in der ČSSR ist Petr Uhl. Er gehört zum linken „Flügel“ der Charta 77 und zu den Gründern des „Komitees zur Verteidigung zu Unrecht Verfolgter“ (VONS). Insgesamt sitzt er neuen Jahre für seine Überzeugungen im Gefängnis. In den 1980er Jahren ist die Wohnung seiner Frau, Anna Šabatova, und ihm „Umschlagplatz“ von Informationen osteuropäischer Oppositioneller.

 

Infografik

Gerd Poppe: 1980 war ich das letzte Mal ... Gerd Poppe: „1980 war ich das letzte Mal in der ČSSR.“
Der Mitbegründer der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ (IFM) hatte von 1980 bis 1989 Reiseverbot. Er berichtet von seiner letzten - schon illegalen - Reise und von dem Versuch der IFM, 1987 per Flugzeug mit 17 Oppositionellen von Berlin nach Prag zu kommen. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Gerd Poppe

PDF Download: Gebrauchsanweisung für einen nicht alltäglichen Flugversuch Bild: vusta/iStockphoto„Gebrauchsanweisung für einen nicht alltäglichen Flugversuch“
In der Untergrundzeitung der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“ wird der „Flugversuch“ ironisch beschrieben. Alle 17 Reisewilligen sind vom „Paß- und visafreien Reiseverkehr unbegründet ausgeschlossen“.

 

Liegt seit der Helsinki-Konferenz von 1975 der Fokus oppositionellen Handelns auf der Einhaltung der „Menschenrechte“, so kommt Anfang der 1980er Jahre der Aspekt des „Friedens“ hinzu. Durch die hemmungslose, militärische Aufrüstung der beiden Blöcke in Ost und West und die vielen regionalen Kriege auf der Welt verschärft sich die weltpolitische Situation dramatisch. „Frieden“ und „Menschenrechte“ werden zu einer sich bedingenden Einheit, um das Leben zu verbessern. Insbesondere in den Kreisen der Opposition ist man sich des Widerspruchs zwischen dem öffentlich gepredigten Credo von „Sozialismus = Frieden“ und der Realität einer sich immer weiter vertiefenden Spaltung der Welt in verfeindete und bis an die Zähne bewaffnete Lager bewusst. Die Bedrohungsdoktrin in Ost und West führt zur Entstehung einer grenzübergreifenden, internationalen Friedensbewegung.

PDF Download: Die jetzige Lage entstand durch das Praktizieren von Machtpolitik. Bild: vusta/iStockphoto„Die jetzige Lage entstand durch das Praktizieren von Machtpolitik.“
Vertreter unabhängiger Friedensgruppen aus der ČSSR und der DDR veröffentlichen im November 1984 eine gemeinsame Erklärung gegen die Stationierung von sowjetischen Raketen in ihren Ländern und erklären sich solidarisch mit der Friedensbewegung im Westen.

 

Einen vieldiskutierten Impuls für das Selbstverständnis der Opposition liefert Vaclav Havel mit seinem1978 im Samisdat erschienenen Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“. Oppositionelle fühlen sich nun ermutigt, ihre Kritik offen zu vertreten. Der übersetzte Aufsatz kursiert als Abschrift durch die DDR.

Quelle: Umweltbibliothek Großhennersdorf, ABL

Havel diagnostiziert hinter der massenhaften Anpassung die Angst des Einzelnen, sein „ruhiges Leben“ verlieren zu können. Doch gerade die Anpassung sichert die bestehenden Verhältnisse. Das Leben sei aber viel zu „bunt“, um die Uniformität des Systems als Gesetz zu akzeptieren. Ein erfülltes Leben verträgt sich also schlecht mit der Machterhaltung des Staates. „In der Wahrheit zu leben“ heißt, sich den Spielregeln des manipulierten Lebens zu widersetzen und selbstbewusst für sein eigenes Leben verantwortlich zu sein.

Vaclav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben:

„Ein Leiter eines Gemüseladens platziert im Schaufenster zwischen Möhren und Zwiebeln das Spruchband ‚Proletarier aller Länder vereinigt euch!‘.
Warum hat er das getan? Was wollte er damit der Welt mitteilen?
[…]
Dieses Spruchband wurde unserem Gemüsehändler zusammen mit Zwiebeln und Möhren vom Betrieb angeliefert und er hängte es einfach deshalb in das Schaufenster, weil er das schon seit Jahren so tut, weil das alle tun, weil es so sein muss. […] Er hatte es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man im Leben durchkommen will, weil das eine von tausenden Kleinigkeiten ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern.
[…]
Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole ‚Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam’ in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. Obwohl eben dieser Inhalt sich mit der verborgenen Bedeutung des Spruchbandes im Schaufenster absolut deckt.“

Quelle: ABL / M. Jehnichen

 

Bemerkenswert findet man in der DDR, dass es innerhalb der Charta 77 verschiedene Strömungen gibt, die trotz unterschiedlicher Weltanschauungen an gemeinsamen Zielen arbeiten.
Seit Oktober 1985 treffen sich in unregelmäßigen Abständen Menschen, die sich in eine Zusammenarbeit mit der Charta 77 und mit weiteren osteuropäischen Gruppen einbringen wollen. Die Staatssicherheit nennt sie die „Kontaktgruppe zur Charta 77“.
Zwei der Protagonisten, Gerd Poppe und Stephan Bickhardt, reflektieren ihr Selbstverständnis. Ähnlich wie in der ČSSR und Polen wollte man den Kreis geschlossener Zirkel verlassen und sich öffentlich artikulieren.

Gerd Poppe: Wir wollten öffentlich handelnde ... Gerd Poppe: „Wir wollten öffentlich handelnde Akteure sein.“
Trotz dieses Anspruchs war es nicht immer möglich mit den tschechischen Dissidenten direkt in Kontakt zu treten. Der Informationsfluss zwischen Berlin und Prag brauchte manchen Umweg über London. Jedoch war man trotz aller Schwierigkeiten in den 1980er Jahren jederzeit gut informiert. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Gerd Poppe

Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

Stephan Bickhardt: Wir sind keine Organisation Stephan Bickhardt: „Wir sind keine Organisation.“
Die Gründung einer Partei als Gegenspieler zur SED hätte unweigerlich zur Verfolgung geführt. Man verstand sich entsprechend des Anspruchs der Charta 77 als Plattform. Man müsse offen agieren, um eine Ausstrahlung in die Gesellschaft zu erreichen. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Stephan Bickhardt

PDF Download: Ermutigung und Quelle der Inspiration Bild: vusta/iStockphoto„Ermutigung und Quelle der Inspiration“
In einem Brief zum 10jährigen Bestehen der Charta 77 betont die „Initiative Frieden und Menschenrechte“ ihre Gemeinsamkeiten und verortet beide Gruppen im Kontext osteuropäischer Menschenrechtsbewegungen.

„Zuzugeben ist, dass die Charta 77, die die Umstände im Land verbessern wollte, für diejenigen Menschen, die ihre Hoffnungen an die Reformierbarkeit des Systems längst aufgegeben haben und der DDR den Rücken kehrten oder sich im ‚sozialistischen Biedermeier‘ eingebürgert haben, kaum eine reizvolle Alternative sein kann. Der Kreis derjenigen, die die Charta 77 in der DDR wahrgenommen haben, ist aus diesem Grund sehr bescheiden, wenn auch nicht bedeutungslos.“

(Tomáš Vilimek: Die Opposition in der ČSSR und in der DDR – Der „dissidentische Weg“ und gegenseitige Wahrnehmung der Vertreter der tschechoslowakischen und ostdeutschen Opposition, unveröffentlichtes Manuskript, 2011)

 

Tabubruch „Prager Appell“ 1985 – Die nationale Frage

Einer der wichtigsten Texte der Charta 77 ist der „Prager Appell“ von 1985 an die 4. Internationale Konferenz für atomare Abrüstung in Europa (END-Konferenz) in Amsterdam. Die blockübergreifende Kampagne „European Nuclear Disarmament“ (END) thematisiert die Folgen des Kalten Krieges auf gesamteuropäischer Ebene und schafft ein Podium für die Friedensbewegungen in Ost und West.

Der Brief der Charta 77 bricht nun ein Tabu in der europäischen Diskussion, indem er die Teilung Deutschlands als ein Hindernis auf dem Weg zur europäischen Einheit und damit zur Abrüstung und Befriedung des Kontinents thematisiert. Es heißt:

„Erkennen wir aber offen den Deutschen das Recht zu, sich frei zu entscheiden, ob und in welcher Form sie die Verbindung ihrer zwei Staaten in ihren heutigen Grenzen wollen. […] Der Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland [könnte] eines der bedeutendsten Instrumente eines positiven Wandels in Europa werden.“

Der „Prager Appell“ richtet sich gegen die Teilung Deutschlands und benennt deren Überwindung als Schlüsselproblem zur Einigung Europas.

Europa | Quelle: ABL

PDF Download: Wir können einigen bisherigen Tabus nicht aus dem Weg gehen Bild: vusta/iStockphoto„Wir können einigen bisherigen Tabus nicht aus dem Weg gehen.“
Neben der Deutschlandfrage und dem Souveränitätsproblem in Europa mahnt die Charta 77 an, Möglichkeiten zu finden, die eigenen Regierungen zur Einhaltung von unterschriebenen internationalen Verträgen zu verpflichten. (Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft)

 

Die Antwort der DDR-Opposition unterstützt zwar den Abzug der Besatzungstruppen aus Europa und die Auflösung der Militärblöcke, bleibt aber zurückhaltend bei der Frage der Wiedervereinigung.

PDF Download: Antwort aus der DDR-Opposition Bild: vusta/iStockphoto„Die deutsche Frage muss in einem gesamteuropäischen Vertragswerk eingebettet sein.“
Mit dem Verweis auf die deutsche Verantwortung, die sich aus dem II. Weltkrieg ergibt, müsse die Souveränität Deutschlands die Interessen aller anderen Völker Europas berücksichtigen. (Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft)

Europa | Quelle: ABL

Wahlplakat 1985 | Quelle: ABLAuch westdeutsche Friedensgruppen stehen der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber. So antwortet die Westberliner Partei „Alternative Liste“, der Appell der Charta 77 „zäume das Pferd vom Schwanz her auf“.

Alternative Liste Berlin:
„Wir sehen es daher nicht als eine friedenspolitische Strategie an, den Deutschen vorzuschlagen, eine Verbindung ihrer beiden Staaten in den gegenwärtigen Grenzen durch einen Friedensvertrag zu suchen. Wenn ein solcher Vertrag überhaupt einen Sinn haben soll, dann nur, wenn er mit beiden deutschen Staaten geschlossen wird, also die Zweistaatlichkeit festschreibt. Darin mögen sich unsere Perspektiven unterscheiden: Wir verzichten von uns aus auf eine Wiedervereinigung, da diese den Prozeß einer Annäherung in Europa eher behindert als erleichtert.“

Quelle: Robert-Havemann-Gesellschaft

 

Je mehr die Wirklichkeit Ende der 1980er Jahre von der europäischen Dimension geprägt wird, umso stärker drängt sich die deutsche Frage auf. Bei seinem Besuch in Prag 1987 prägte der Staatschef der Sowjetunion Michael Gorbatschow den Begriff des „Europäischen Hauses“. Unter Oppositionellen entsteht ein schwieriger Diskurs. Welche Rolle spielt der „Mieter“ DDR?

Plakat Statt-KirchentagDiese Frage wird auch am 8. Juli 1989 in Leipzig diskutiert. Vom 6.-9. Juli 1989 findet hier der Evangelische Kirchentag statt. Auf Druck der SED-Führung werden systemkritische Basisgruppen ausgeschlossen. Aus Protest gegen den Ausschluss organisiert Pfarrer Christoph Wonneberger in der Lukaskirche parallel einen „Statt-Kirchentag“, an dem ca. 2.500 Menschen teilnehmen. Hier findet eine „Europäische Hausversammlung“ in Form einer Podiumsdiskussion statt.

 

Moderator Christoph Wonneberger (Mitte):

„Ich möchte die Rolle der Wohnung da in der Mitte im ersten Stock, die durch eine Trennwand geteilt ist, ansprechen. Was hat diese getrennt lebende Familie, wo der eine Teil ständig am Schlüsselloch hängt und schaut, was auf der anderen Seite los ist? Was könnte diese Familie in dem Haus für eine Rolle spielen?“

Für die Antworten klicken Sie bitte auf die jeweilige Person:

Ludwig
Mehlhorn (DDR)

Initiative „Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung“

Hester
Minnema (Niederlande)

Internationale Helsinki Föderation für Menschen-
rechte

Christoph Wonneberger (DDR)

Moderator

Edelbert
Richter (DDR)

Theologiedozent in Erfurt

Erhard
Eppler (BRD)

Vorsitzender der SPD-Grundwerte-
kommission

 

Gerd Poppe: Im Nachhinein muss man sagen ... Gerd Poppe: „Im Nachhinein muss man sagen, dass sie recht hatten.“
Der Mitautor des Antwortschreibens auf den „Prager Appell“ der Charta 77 reflektiert den Standpunkt von 1985. Die großen Veränderungen bereits vier Jahre später waren zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar. (Quelle: ABL)

Lebenslauf Gerd Poppe

Die Frage der deutschen Wiedervereinigung bleibt bis 1990 eine ambivalente. EIN Deutschland scheint nur im Rahmen eines „Europäischen Hauses“ möglich. Die Opposition wird in dieser Frage von den Ereignissen 1989/90 überrollt.

 

 

  • 1959 in Dresden geboren
  • 1976 - 1988 Aktion Sühnezeichen
  • 1977/78 Lehre zum Werkzeugmacher
  • 1979 – 1986 Studium der Theologie und Pädagogik in Naumburg
  • Mai 1985 Mitorganisator der "Initiative für Blockfreiheit in Europa"
  • Seit 1986 Kontakte zur Initiative Frieden und Menschenrechte Herstellung und Verbreitung von Samisdat-Literatur (Radix-Verlag)
  • Herbst 1986 Mitinitiator von "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung"
  • Frühjahr 1989 Mitautor des "Aufruf Neues Handeln" (Aufstellung unabhängiger Kandidaten und zur Kontrolle der Auszählung der Kommunalwahlergebnisse vom 7.5.1989) September
  • 1989 Mitbegründer von Demokratie Jetzt (DJ)
  • 1990 Geschäftsführer, Mitglied im Sprecherrat und Länderausschuss von DJ
  • ab 1991 Pfarrer in Eberswalde, Leipzig, Markleeberg
  • seit 2007 Polizeiseelsorger, Leipzig
  • 1941 geboren
  • 1959 bis 1964 Physikstudium in Rostock
  • 1965 bis 1976 Physiker im Halbleiterwerk Stahnsdorf
  • seit der Niederschlagung des Prager Frühling 1968 in der politischen Opposition
  • Organisation verschiedener informeller Gruppen
  • 1977 bis 1984 Maschinist in einer Berliner Schwimmhalle
  • 1980 bis 1989 generelles Auslandsreiseverbot
  • 1984 bis 1989 Ingenieur beim Diakonischen Werk
  • Mitinitiator der „Initiative Frieden und Menschenrechte“ 1985
  • Mitherausgeber und Autor in verschiedenen illegalen Publikationen
  • 1989/90 Mitglied am Zentralen Runden Tisch der DDR
  • 1990 bis 1998 Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90 / Die Grünen
  • 1998 bis 2003 Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung

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