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Altstalinisten vs. Poststalinisten – KPD/ML in der DDR

Titelfoto

Schlagzeilen der Parteizeitung "Roter Morgen"

 

KPD/ML in der DDR gegründet

Anfang der 1970er Jahre finden sich in verschiedenen Städten der DDR unabhängig voneinander junge Leute zusammen, die die Klassiker des Marxismus-Leninismus abseits der offiziellen Lesart diskutieren. Unter ihnen entsteht die Überzeugung, dass der DDR-Sozialismus im Widerspruch zu den Theorien der Klassiker steht. Mitte der 1970er Jahre kommt es u.a. zu Kontakten mit der westdeutschen Kommunistischen Partei Deutschlands / Marxisten-Leninisten (KPD/ML). 1976 gründet diese eine „Sektion DDR“.

Die Parteizeitung „Roter Morgen“ noch mit Maos Konterfei ... Ideologische Leitfiguren mit wechselnder Vorliebe sind Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und Hoxha.
…und 1979 ohne. Nach Maos Tod 1976 verbleibt Hoxha als letzte „Bastion“ der sozialistischen Idee. Die Gemeinsamkeiten bestehen in der Ablehnung sowohl des amerikanischen Imperialismus als auch des sowjetischen "Sozialimperialismus".

1974 wird Ernst Aust (l.), der Gründer der West-KPD/ML, offiziell von Hoxha anlässlich des 30. Jahrestages der Befreiung Albaniens empfangen. 1974 wird Ernst Aust (l.), der Gründer der West-KPD/ML, offiziell von Hoxha anlässlich des 30. Jahrestages der Befreiung Albaniens empfangen. Hoxha erkennt Aust als den „Führer des albanisch orientierten deutschen Proletariats“ an und erklärt dessen Partei sogar zur Bruderpartei. Nach der Selbstisolierung Albaniens 1978 versucht Hoxha, eine neue „kommunistische Internationale“ mit den kommunistischen Splitterparteien der westlichen Länder aufzubauen.

Eine neue Etappe ... „Es lebe der 7. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens.“ „Enver Hoxha, Enver Hoxha“
Der 3. Parteitag der westdeutschen KPD/ML 1976 huldigt in Sprechchören der albanischen Bruderpartei. (Quelle: Radio Tirana)

 

„Sektion DDR“

Analog der illegalen Arbeit der KPD unter dem NS-Regime arbeitet die KPD/ML „Sektion DDR“ streng konspirativ und in kleinen Zellen mit 3 bis 5 Mitgliedern. Derartige Zellen existieren z.B. in Cottbus, Berlin, Karl-Marx-Stadt und Magdeburg. Die Gesamtzahl der Mitglieder liegt bei etwa drei Dutzend Menschen und einem Sympathisantenkreis von etwa 50 bis 60 Personen.

Quelle: BStU

Der Staatssicherheit gelingt es, eine nahezu komplette Überwachung der Gruppen aufzubauen. So ist z.B. eine der Berliner Zellen ein reines Stasiprodukt bestehend aus zwei IM-Mitgliedern. Dieses Konstrukt dient allein dazu, Verteilungswege von Propagandamaterial erfassen zu können.

Eine Vernetzung und Anleitung der Gruppen geschieht entsprechend der hierarchischen Parteistruktur durch die Zentrale in der Bundesrepublik. Durch etwa 50 Kuriere aus dem Westen werden die Zellen mit Flugblättern, Parteizeitungen und anderen Materialien versorgt.

Die Skizze markiert einen konspirativen Übergabeort an der Transitstrecke zwischen Hamburg und Westberlin. (Quelle: H. Pinkau)

Hauptziel der Arbeit ist die Propaganda in den Betrieben und im Lebensumfeld, um so Menschen für die „wahre“ sozialistische Revolution in Gesamtdeutschland zu überzeugen und zu aktivieren.

Quelle: H. Pinkau

 

PDF Download: Leseprobe „Sprachrohr der Arbeiterklasse“. Bild: subjug/iStockphoto Leseprobe: „Sprachrohr der Arbeiterklasse“
Ausgabe der Sektion DDR, Juli 1978
Die Redaktion der Parteizeitung in Dortmund erstellt spezielle DDR-Ausgaben. Sie werden in die DDR eingeschleust und durch Mitglieder verteilt. Zwischen 1977 und 1984 erscheint sie viermal im Jahr. Argumentiert wird darin in der Begrifflichkeit des Klassenkampfes der 1920er Jahre.

 

Die albanische Botschaft in Ostberlin

Die albanische Botschaft unterstützt die Sektion DDR mit Exemplaren der Bücher Enver Hoxhas und der deutschsprachigen Ausgabe der Zeitschrift „Neues Albanien“. Es bestehen mitunter persönliche Kontakte von einzelnen Personen zu Botschaftsangehörigen, die entweder durch Besuche in der Botschaft oder an anderen Orten gepflegt werden.

Quelle: privat

 

PDF Download: Konspirative Durchsuchung. Bild: subjug/iStockphoto Die Leipziger Messe ist auch ein Ort, wo Albanien versucht, seine deutschen Genossen mit Schriften zu versorgen. Die Staatssicherheit ist immer dabei.
Quelle: BStU

 

Die Zerschlagung durch die Staatssicherheit

Entsprechend dem Selbstverständnis der SED ist eine kommunistische Strömung neben ihr undenkbar. Für die Staatssicherheit entsprechen die Steuerung der „Sektion DDR“ von der Bundesrepublik aus und die konspirativen Aktionen ihrem klassischen Feindbild. Geschätzt wird, dass die Anzahl der eingesetzten Stasileute größer ist, als die der Mitglieder und Sympathisanten.

Quelle: BStU

Anfang 1981 werden acht Mitglieder verhaftet. Die noch existierenden Zellen bestehen entweder aus „Inoffiziellen Mitarbeitern“ der Staatssicherheit oder sie werden von diesen beobachtet. De facto ist die Sektion DDR bereits 1981 zerschlagen, auch wenn die „Bearbeitung“ erst im Februar 1989 eingestellt wird. Verurteilt zu acht Jahren Freiheitsentzug wegen „staatsfeindlicher Hetze“ kommen die beiden führenden Mitglieder erst nach 5 1/2 Jahren frei. Auf eigenen Wunsch werden sie in den Westen abgeschoben.

 

Resümee

Der Einfluss der „Sektion DDR“ auf die Bevölkerung war eher marginal. Trotzdem wurde die KPD/ML als Systembedrohung durch die SED gesehen, verstanden sich doch beide als „wahre“ Interessenvertretung der „Arbeiterklasse“. Diese Auseinandersetzung ähnelte daher den „Säuberungsaktionen“ aller kommunistischen Parteien Europas zur Konsolidierung ihrer Macht. Im Gegensatz zu anderen oppositionellen Gruppen bestimmte in der KPD/ML nicht Meinungsvielfalt sondern Parteidisziplin die Diskussion. Dementsprechend gab es kaum Kontakte zu anderen Gruppen. Die Zentrale befürchtet wohl auch ein ideologisches Aufweichen der DDR-Zellen.

Quelle: privatSo widersprüchlich und grotesk die Auseinandersetzung erscheinen mag, für manchen Akteur der „Sektion DDR“ war sein Engagement mit Repressionen und jahrelanger Haft verbunden.