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1977

Überschrift

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Am 1. Januar 1977 erscheint eine von 243 Menschen unterschriebene Erklärung gegen die Menschenrechtsverletzungen in der ČSSR, die sogenannte „CHARTA 77“. Darin wird der Widerspruch zwischen den Deklarationen des Staates zum Thema „Grundrechte“ und der Realität angeprangert. Die Unterdrückungsmechanismen in der ČSSR seien dabei institutionalisiert.
CHARTA 77 versteht sich als „…eine freie, informelle und offene Gemeinschaft von Menschen verschiedener Überzeugungen, verschiedener Religionen und verschiedener Berufe, verbunden durch den Willen, sich einzeln und gemeinsam für die Respektierung der Bürger- und Menschenrechte in unserem Land und in der Welt einzusetzen.“


PDF Download: Manifest der Charta 77 Bild: vusta/iStockphoto„Menschen werden zu Opfern einer Apartheid“
Am 6. Januar soll die Erklärung der Regierung der ČSSR übergeben werden. Doch der Geheimdienst verhinderte dies. Am 7. Januar erscheint das Statement in führenden Tageszeitungen in Frankreich, Großbritannien und der Bundesrepublik.
Quelle: ABL

Die ersten Sprecher der Charta 77 sind:

Jiří Hájek Václav Havel Jan Patočka
Jiří Hájek Václav Havel Jan Patočka
Der Kommunist Hájek war seit 1955 im Staatsdienst und unter Dubček Außenminister. Den Einmarsch 1968 verurteilte er vor der UNO.  1970 fiel er den politischen Parteisäuberungen zum Opfer. Der Dramatiker Havel wurde nach 1968 mit einem Aufführ- und Publikationsverbot belegt. Mit Gelegenheitsarbeiten verdient er seinen Lebensunterhalt. Insgesamt wird Havel etwa fünf Jahre im Gefängnis sitzen. Dem Philosophen Patočka wird der universitäre Zugang verwehrt. Nach einem 11stündigen Polizeiverhör bricht der 69-Jährige mit einem Herzinfarkt zusammen und stirbt 10 Tage später am 13. März 1977.

Der Veröffentlichung der Charta 77 in der westlichen Presse folgt eine Welle von Verhaftungen und Repressalien. Manche Unterzeichner verlieren ihre Anstellung, ihren Führerschein, ihre Wohnung, ihre Rentenansprüche. Die Regierung inszeniert eine „Anti-Charta“ und zwingt die Bevölkerung, die Charta 77 öffentlich zu verurteilen. Die Kampagne gipfelt am 28. Januar in einer Versammlung im Nationaltheater, die die Einheit der Künstler des Landes mit der Parteiführung demonstrieren soll.
Mit diesem immensen Propagandaaufwand sorgt das Regime unfreiwillig für eine Verbreitung der Charta 77.

Ein wichtiges konstituierendes Element, das zur Gründung der Charta 77 führt, sind die Ereignisse um die Band „Plastic People of the Universe“.
Im Zuge von Husáks „Normalisierung“ entwickelt sich eine vielfältige Gegenkultur. Zu einer der einflussreichsten Bands des Undergrounds gehören die 1969 gegründeten „Plastic People of the Universe“. Anfangs angelehnt an die Musik von „Velvet Underground“, entwickelt die Band eine eigene Stilrichtung und greift in ihren Texten die Lyrik tschechischer Dichter wie Egon Bondy auf.

Plastic People of the Universe | Quelle: ČTK
Nach Auftrittsverboten beschränkt sich die Band auf Konzerte im vornehmlich privaten Rahmen. Sie treten u.a. auch mehrfach im Haus von Václav Havel auf.

Festival der anderen Kultur - in Hrádeček, 1977 | Quelle: ČTK In Havels Haus in Hrádeček (Trutnov) finden regelrechte Festivals des Undergrounds („Festival der anderen Kultur“) statt.
Zu den Konzerten reisen teilweise mehrere hundert Menschen aus der ganzen ČSSR an. Die Veranstaltungen werden zu einer Manifestation des Undergrounds und erhalten damit einen konkreten politischen Charakter.

Im März 1976 wird die Band verboten und ihre Mitglieder verhaftet. Die hohen Haftstrafen von 8 bis 18 Monaten wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ lösen Unverständnis und Proteste im In- und Ausland aus. Wenngleich nur Wenige mit der Musik etwas anfangen können, die Diffamierung der jungen Leute als „Drogensüchtige, Alkoholiker und Kriminelle“ bedeutet für viele einen Angriff des totalitären Systems auf die Freiheit der Menschen.

Plastic People of the Universe: Magické noci (5:33) Plastic People of the Universe: Magické noci (5:33)
Der Song „Magische Nacht“ ist ein vertonter Text von Egon Bondy. Eine erste von vielen Veröffentlichungen des Titels beruht auf einem Konzertmitschnitt im Hause Havel am 1.10.1977 im Rahmen eines „Festivals der anderen Kultur“. (Quelle: archive.org)


Abbé Libánský

Der Fotograf Abbé Libánský dokumentiert in seinem Fotobuch den subkulturellen Hintergrund der Charta 77.

 

Kette

Die massive Unterdrückung durch die Staatsgewalt führt 1978 im Rahmen der Charta 77 zur Gründung des "Ausschuss zur Verteidigung unschuldig Verfolgter“ (Výbor na obranu nespravedlive stílhaných - VONS). Das polnische „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“ (KOR) dient dabei als Vorbild.

1978 kommt es im Riesengebirge zu einem Treffen von Mitgliedern der Charta 77 und des polnischen KOR. V.l.: Marta Kubiśova, Václav Havel – ČSSR; Adam Michnik, Jacek Kuron - Polen
| Quelle: ČTK

Ziel von VONS ist es, offenkundig ungesetzlich festgenommen Menschen auf der Grundlage von Bürger-Petitionen zu helfen. Da die Behörden auf keine der Petitionen reagieren, druckt man die Forderungen als Flugblätter.

Stiftung Charta 77Hilfe kommt auch aus dem Ausland, wo viele verfolgte Tschechen und Slowaken im Exil leben. 1978 gründet der emigrierte Atomphysiker František Janouch in Stockholm die „Stiftung Charta 77“. Die Stiftung leistet finanzielle Hilfe für Dissidenten und ihre Familien, informiert die westliche Öffentlichkeit über Verfolgungen, fördert die Herausgabe von Büchern und Zeitschriften im Ausland und lässt der Opposition technische Hilfe zukommen. Sie verleiht Literaturpreise wie den Jaroslav-Seifert-Preis.
Bis 1989 fließt allein über diese Stiftung ein Betrag von 19 Millionen Kronen in die Tschechoslowakei.

Die Charta 77 bildet die Grundlage für ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis.
Hier engagieren sich z.B.:
→ Christen (Otta Bednáŕova, Kamila Bendova, Ladislav Hejdánek, Václav Vaśko)
→ Ex-Kommunisten (Jiŕi Dienstbier, Jiŕina Šiklova, Petr, Pithart, Miroslav Kusŷ)
→ Vertreter des Undergrounds (Frantiśek Stárek, Petruśka Šustrova)
→ Trotzkisten (Petr Uhl)
→ Liberal-Demokraten (Václav Havel, Jan Ruml)

(z.n.: Tomaś Vilimek: Die Opposition in der ČSSR und in der DDR – unveröffentlichtes Manuskript)

In den Folgejahren kommt es zu einer Vielzahl von oppositionellen Aktionen. Viele Dissidenten müssen dafür hohe Haftstrafen in Kauf nehmen.